Vor gut 50 Jahren wurde eine Konstante eingeführt, die unseren Blick auf die Welt grundlegend verändert hat. In die Kinderzimmer zogen 1977 erstmals LEGO® Figuren ein.
Die bisher abstrakte Welt der seit den 1960ern populären Klemmbausteine hatte plötzlich einen festen Maßstab. Der Vitruvian LEGO® Man ist vier Steine hoch. Ohne sich dessen bewusst zu sein, blicken Kinder wie Erwachsene seitdem im Maßstab 1:45 auf LEGO® Konstruktionen. Sei es im freien Spiel oder im Serious Play, wie der Architekt Winy Maas es in der Why Factory mit Porocity macht – es sind immer Miniaturen, in die wir uns hinein imaginieren.
Vor gut 15 Jahren hat die Verbreitung digitaler Fertigungsmethoden in der Architektur erstmals seit der Industrialisierung wieder ein Interesse an einem großen Detailreichtum geweckt und diesen ohne hohen handwerklichen Arbeitsaufwand erschwinglich gemacht. Architekten wie Hansmeyer/Dillenburger schaffen mit 3D-Druck und CNC Verfahren noch viel expressivere Architekturen als in Gotik und Barock. Diese hochaufgelöste Architektur, bei der jeder Kubikzentimeter gestaltet ist, folgt jedoch weiterhin dem Paradigma einer perfekten, unveränderbaren Architektur, bei der Material für die Ewigkeit in einer Form gebunden ist.
Verschränkt man die Welt der kubikzentimetergroßen Klemmbausteine mit der Idee einer hochaufgelösten Architektur, erhält man ein reversibles Konstruktionssystem, das maximale Freiheit der Gestaltung ermöglicht und nahezu unendlich oft auf-, ab- und umgebaut werden kann. Ganz konkret blickt man damit auf eine Architektur, bei der LEGO® Steine nicht als Miniaturen gesehen werden, sondern wie ein räumliches Mosaik 1:1 in der Architektur wirken.
Vor gut 5 Jahren hat die Abteilung für Digitale Methoden in der Architektur (dMA) an der Leibniz Universität Hannover 150.000 Klemmbausteine, äquivalent zum LEGO® Type 3001 (2x4), beschafft, um damit Konstruktion, Baurobotik und Entwurf von reversiblen Architekturen zu erforschen. Seitdem wurden zahlreiche Möbel und architektonische Versatzstücke im Maßstab 1:1 mit Klemmbausteinen realisiert. Aufbauend auf dem Konzept der Digital Materials wurden eigene reversible Bausteine in unterschiedlichen Materialien entwickelt, die sich besonders für die robotische Assemblierung von Architekturen eignen. Diese werden von relativen Robotern im Kollektiv ausgeführt, wobei sie sich autonom auf der gebauten Struktur fortbewegen. Mit VRoxel wurde eine eigene Entwurfs- und Simulationsumgebung entwickelt, die es erlaubt, Architekturen mit Millionen von Blöcken in voller Auflösung in Echtzeit in VR zu bearbeiten.
Um einen letzten Perspektivwechsel vorzunehmen: dMA arbeitet an der Vergrößerung von Nanorobotern. Neuartige Klemmbausteine sind die Moleküle einer sich über längere Zeiträume wandelnden Architektur, kleinste Bausteine, die immer wieder aufs Neue eingesetzt werden und jede Form und Funktion abbilden können. Die Konstruktionen sind im Wandel, die Moleküle permanent im Kreislauf.